Georgia Koumará

Die Komponistin Georgia Koumará wurde 1991 in Thessaloniki (Griechenland) geboren. Sie studierte in den Fächern Komposition, Musiktheorie und Klavier an den Musik-Hochschulen von Thessaloniki und Köln. Zu ihren Lehrern gehören Johannes Schöllhorn, Michalis Lapidakis, Kostas Siempis, Lenio Liatsou und Lilia Vaseiliadou.

In den letzten Jahren besuchte Koumará zahlreiche Festivalszeitgenössischer Musik, so zum Beispiel die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt, die Wittener Tage für Neue Kammermusik oder die Impuls Akademie Graz. Künstlerische Anregung empfing sie weiterhin durch mehrere Begegnungen mit führenden zeitgenössischen Komponisten wie Wolfgang Rihm, Georges Aperghis, Brian Ferneyhough, Beat Furrer, Olga Neuwirth und Georg Friedrich Haas.

Ihre Musik wurde im Rahmen der Orchester-Werkstatt des WDR aufgeführt. Zudem erlebten ihre Werke Aufführungen während der Wittener Tage für Neue Kammermusik, des Thessaloniki Piano Festivals, des Musica Festival Straßburg und des Lucerne Academy Festivals. Deutsche und griechische Rundfunkanstalten sendeten Einspielungen ihrer Kompositionen. Sie arbeitete u.a. gemeinsam mit dem WDR-Sinfonieorchester, dem Orchester der HfMT Köln, dem Disson-Art Ensemble, dem Ensemble Handwerk und dem Lynx-Quartett.

Seit 2010 ist sie als Pianistin Mitglied des Ensembles 6daEXIT, welches sich auf die Aufführung improvisierter und intermedialer Musik spezialisiert hat. Weiterhin hat Koumará als Interpretin mit einer Vielzahl weiterer Ensembles in Deutschland und Griechenland gearbeitet.

Das Zentrum ihrer kompositorischen Tätigkeit liegt in der philosophischen Betrachtung des Klangs. Die Bedeutung zeitlicher Linearität wird in Koumarás Werk durch die tiefschichtigen musikalischen Texturen und die Entwicklung musikalischer Gestik außer Kraft zu setzen versucht.

 

 

Interview

Bell Ihr Werk erklingt in einem Konzert gemeinsam mit dem Oktett Franz Schuberts. Wie hören Sie die Musik Schuberts heute?

Koumará Für mich ist es erst einmal eine große Ehre, dass mein Werk gemeinsam mit dem Oktett Franz Schuberts uraufgeführt wird. Am Anfang muss ich zugeben, dass ich nicht wusste, wie ich auf diese Frage antworten könnte. Meine aktuelle Frage war immer, wie man die Musik Schuberts damals gehört hat. Seine musikalische Welt klingt noch so frisch und revolutionär, dass ich mir gut vorstellen könnte, dass seine Musik das damalige Publikum schockiert hat. Jedes Mal, wenn ich seine Werke höre, finde ich noch ein musikalisches Detail, eine neue Klangfarbe, die ich vorher nicht gehört habe.

Bell Während der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hat die Musik Schuberts im Zuge einer Neo-Romantik gesteigerte kompositorische Rezeption erfahren, so zum Beispiel durch Werke von Ernst Krenek; glauben Sie, dass sich zeitgenössische Komponisten heute auch noch Schubert nähern können, bzw. er einen größeren Eindruck in dem Schaffen heutiger Komponisten hinterlassen kann?

Koumará Musik war immer Zeitgeist der Gesellschaft und ist immer von den sozialen und politischen Situationen abhängig. Ich bin der Meinung, dass es für alle zeitgenössischen Komponisten notwendig ist, die musikalische Geschichte zu kennen und mit den klassischen Systemen in Berührung zu kommen. Alle Meisterkomponisten der Vergangenheit sind unsere besten Lehrer. Gleichzeitig ist es aber meiner Meinung nach unser Ziel, die musikalische Sprache weiter zu entwickeln und neue Klangfarben zu entdecken, um eine neue Weise des Hörens für das Publikum zu erschaffen, mit der es sich besser identifizieren kann.

Bell Erzählen Sie uns etwas über Ihr eigenes Oktett; welche Fragen stellen sich am Beginn einer solchen Komposition?

Koumará Letztes Jahr sollte ich ein Streichquartett schreiben, das gemeinsam mit Mozarts KV 415 Klavierkonzert uraufgeführt werden sollte und eine Beziehung mit diesem Klavierkonzert haben sollte. Meine erste Aufgabe war damals, mir die Frage zu stellen, was Mozart für mich bedeutet und was Mozart zu einem einzigartigen Komponisten macht. Für mich persönlich habe ich herausgefunden, dass die besondere Art seiner Artikulation und sein Humor mich fasziniert haben. Die gleiche Frage stelle ich mir jetzt bei Schubert. Wie kann ich den Geist von Schubert in meinem Werk nutzen, ohne ein Schubert-Zitat zu schreiben. Für mich sind folgende Aspekte in Schuberts Musik sehr interessant: seine dunkle harmonische Welt, seine untrennbare Beziehung zwischen Musik und Sprache und seine musikalische Dramaturgie. Daher bemühe ich mich, diese Elemente mit meiner musikalischen Wahrnehmung und meiner Art zu denken zu vereinbaren.

Bell Von vielen Komponisten weiß man, dass sie durch außermusikalische Erlebnisse oder durch Begegnungen mit den Gedanken verschiedener Dichter und Denker zur kompositorischen Reaktion inspiriert wurden; wie arbeiten Sie? Inwiefern spielen literarische, philosophische oder politische Aspekte in Ihren Arbeiten eine Rolle?

Koumará Soziale und politische Fragestellungen, die mich interessieren, sowie das seelische Befinden der Menschen wie zum Beispiel in Form einer Psychose oder eines Traumes spielen eine große Rolle in meinen Werken. Aber auch Situationen des Alltages oder verschiedene andere Kunstwerke inspirieren mich. Für mich ist es auch sehr wichtig, durch die Musik, die ich schreibe, Problematiken unserer Gesellschaft kritisch gegenüber zu stehen und für das Publikum neuartige Perspektiven zu schaffen.

Bell Würden Sie bitte noch etwas über das Verhältnis Ihres Oktetts zu dem Schuberts berichten?

Koumará Allgemein liegt meine künstlerische Beschäftigung in der philosophischen Betrachtung des Klanges. Durch die Komplexität der vielschichtigen musikalischen Texturen und die Entwicklung der musikalischen Gesten versuche ich, die Bedeutung der zeitlichen Linearität außer Kraft zu setzen und ein Umfeld zu schaffen, in welchem die Rolle der Energie, der Intensität, des musikalischen Flusses und der andauernden Entwicklung der musikalischen Textur im Vordergrund stehen. Da sich Schubert auch für eine unendlich fließende Energie und die Rolle von musikalischen Gesten interessiert hat, werde ich auch auf diese Art und Weise arbeiten.

Interview Fabian Oliver Bell